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Moderne Ruinen
von • by Christian Thoelke
Foto: Norman Konrad
www.christian-thoelke.de
Was erzählen leerstehende DDR-Bauten über die Geschichte nach
1990? Nachdem der Osten bereits in der Nachkriegszeit mit De-
montagen und Industrieabbau für die gesamtdeutsche Niederlage
bezahlen musste, durchlief die Region nach der Wiedervereinigung
eine zweite historische Deindustrialisierung. Zugleich erzeugte vor
allem westdeutsches Kapital, losgelöst von der Nachfrage, ein Über-
angebot an Wohnbauten, Einkaufszentren und Gewerbeflächen.
Während der Modernisierungswelle – im Rekordjahr 1995 war die
Bauaktivität in Ostdeutschland beinahe doppelt so hoch wie in den
alten Bundesländern – schob sich die importierte West-Moderne
wie ein Wellenbrecher vor den DDR-Bestand, der dahinter kulturell
wie finanziell austrocknete. Die Bilder des 1973 in Ost-Berlin gebo-
renen Christian Thoelke zeigen diese Orte lange nach ihrem Funkti-
onsverlust: Brachen, in denen Birken und Essigbäume wachsen, wo
früher Planung, Versorgung und sozialistisches Gemeinschaftsver-
sprechen stattfanden. Mit jedem Unkraut wächst die Entfremdung.
Thoelke grundiert seine Leinwände in mehreren Schichten, bis eine
ganz glatte Oberfläche entsteht. Die Untermalung gibt den Motiven
einen warmen Grundton und inneren Zusammenhalt. Mit seiner la-
sierenden Technik schafft er eine nüchterne, klare, kontrollierte und
zugleich atmosphärisch dichte Malerei. Er schließt seine Bilder nicht
vollständig, sondern setzt Schärfen und offene Partien gezielt ge-
geneinander. Gerade diese Spannung öffnet die Motive für mehrere
Lesarten. Sie erscheinen als eine Art späte Anerkennung eines Auf-
baus unter Entbehrung und einer Architektur, deren städtebauliche
und soziale Qualitäten nach 1990 oft vorschnell als reines „Erbe der
Diktatur“ entwertet wurden. Der Katalog „Moderne Ruinen“ ver-
sammelt die Arbeiten und ist über den Verlag VfmK erhältlich. sf
WÜRFEL, 2025 · Öl auf Leinwand, 150 × 200 cm

