Page 135 - AIT0426_E-Paper
P. 135

Andrea Eschbach

                                                                          Foto: Pierre Adenis, Berlin  Die Kunsthistorikerin aus Mannheim lebt seit 2001 in der Schweiz. Sie

                                                                                               publiziert zu den Themen Wohnen und Raum, Design und Architektur in
                                                                                               Fachzeitschriften, Publikumszeitschriften und Buchverlagen.






























             Unverputzter Lehm prägt zusammen mit Holz das Innere. • Unplastered clay and wood characterize the interior.   Das mehrgeschossige Atrium erweitert die Büroflächen. • The multi-storey atrium extends the office space.


             von • by Andrea Eschbach, CH-Baden
            D   as stark wachsende Schweizer Unternehmen Erne Holzbau verdoppelte in den letz-  Meyer in Risch-Rotkreuz zum Einsatz und wurde nun von den Architekten in Zusammenar-
                                                                          beit mit Erne Holzbau weiterentwickelt. Die Treppenkerne in Stampflehm und der schwin-
                ten zehn Jahren die Anzahl der Mitarbeitenden auf nun 330. Das bestehende Büroge-
             bäude platzte aus allen Nähten, höchste Zeit also, den Bestandsbau im Schweizerischen   dungsarme Recycling-Boden aus Mischabbruch im Erdgeschoss zeugen vom Anspruch,
             Stein durch einen Neubau zu ergänzen. Der Auftrag ging an Burkard Meyer Architekten,   kreislauffähige und ökologische Materialien einzusetzen. Da Lehm aber keine aussteifende
             die 2013 bereits ein Betriebsgebäude am Standort realisiert hatten. Um aktuellem und   Funktion hat, kam die Idee mit verstärkenden Stahlkreuzen auf. Die Böden liegen nun
             künftigem Platzbedarf sowie zeitgemäßen Organisationsformen gerecht zu werden, plan-  auf der Holzstruktur, die von einzelnen Stahlkreuzen ausgesteift wird und von den Lehm-
             ten die Architekten einen dreigeschossigen Büroneubau auf dem Gelände in Stein. Unter   kernen abgelöst ist. Es handelt sich also um zwei eigenständige statische Einheiten. Der
             Einbeziehung des bestehenden Holzmodulbaus – damals erstellt aus Re-Use-Modulen,  Stampflehm wurde vor Ort aus dem Aushub gewonnen und konnte durch den Bau einer
             die das Unternehmen von einem Kunden zurückgekauft hatte, entstand ein neues räum-  Fertigungsstraße mit Robotern gestampft werden. „Zwar kosteten die Teile dank Robo-
             liches Ganzes mit Innenhof, in dem sich offene Raumsequenzen mit den Raummodulen   ter etwa ein Drittel weniger, als wenn sie von Menschen gestampft worden wären, aber
             des Bestandes zu einer flexiblen Bürowelt ergänzen. Dabei setzt der als Holzhybridbau  Stampflehmbau ist, solange das CO  nicht eingepreist wird, nach wie vor nicht günstig“,
                                                                                                  2
             geplante Neubau mit seiner Erschließung und der Anordnung der Primärräume die Logik   wie Oliver Dufner vom Büro Burkard Meyer bedauert. „Lehm ist für die Holzbaufirma vor
             des Bestandes fort. Die horizontale Erschließungsfigur bildet zusammen mit der zentral   allem eine Liebhabergeschichte, die weitergeht. Aber natürlich prägt der unverputzte Lehm
             im Atrium liegenden Treppe und den Verbindungsbrücken ein Kontinuum, das die verti-  die Räume und reguliert auch das Innenraumklima.“
             kale Verbindung zum im Erdgeschoss liegenden sogenannten Marktplatz schafft. Dieser
             ist der neue Mittelpunkt des Hauses und bietet durch die offene, geschossübergreifende  Zukunftsfähig und zukunftsweisend – und demontierbar
             Räumlichkeit sowohl Möglichkeiten für gemeinsames Arbeiten im Team als auch für Ver-
             anstaltungen. Die Eingangshalle mit Empfang und Cafeteria ergänzt der offene Innenhof   Der Erweiterungsbau repräsentiert ein zukunftsfähiges Vorbild für die nächste Generati-
             des Altbaus. Der fließende Grundriss um das Atrium lässt sich flexibel einteilen, im Sinne   on von Bürobauten, indem er den Kreislaufgedanken, minimalen Rohstoffeinsatz sowie
             der Nachhaltigkeit kann so auf Nutzungsänderungen gut reagiert werden. Zusammen   smarte Werkstoffverbindungen und natürliche Materialien unter einem Dach vereint. Stell-
             mit dem Innenhof ergibt sich ein vielfältiges Angebot unterschiedlich nutzbarer Räume  vertretend für derzeitige Strategien im Umgang mit einer CO -reduzierten Bauweise folgt
                                                                                                                  2
             und Bereiche: In den beiden oberen Geschossen befinden sich Open Spaces, Räume für   der Neubau dem „Design for Disassembly“-Gedanken – auch in der äußeren Erscheinung.
             den individuellen Rückzug sowie Sitzungszimmer. Das fein gegliederte Dachtragwerk mit   So wird die filigrane Fassadenstruktur aus Aluminium und Glas zweiseitig durch horizon-
             Shedoberlichtern bringt, zusammen mit dem Sichtbezug in den Gartenhof, Tageslicht in   tal angeordnete Photovoltaikelementen komplettiert, die dem Gebäude zusammen mit
             das Innere des Gebäudes.                                     den Ausstellmarkisen eine gewisse Leichtigkeit verleihen. Die 638 Quadratmeter große
                                                                          Fläche von Photovoltaikmodulen produziert 78.000 kWh ökologischen Strom pro Jahr. Die
             Holz, Lehm und Glas bestimmen das Innere                     Fachwerkkonstruktion kann gegebenenfalls einfach rückgebaut, sortenrein zerlegt und an
                                                                          anderer Stelle neu aufgebaut werden. Die Kombination von bestehendem Holzmodulbau
             Ausgeklügelt konstruiert sind die eigens entwickelten Verbindungsknoten im filigranen  und neu hinzugefügtem Holzhybridbau hat in vielerlei Hinsicht große Vorteile. Neben dem
             Fachwerk, welches das gesamte Atrium 15 Meter weit überspannt. Das Tragwerk folgt   variierenden Raumangebot zeigt der Komplex auch zwei sich ergänzende Formen der Vor-
             einem Raster von sechs mal sechs Metern. In die Tragstruktur aus Stabbuche werden  fertigung und bildet damit die unterschiedlichen Kompetenzfelder der Bauherrschaft ab.

             hybride Holzbetondeckenelemente eingefügt, die sowohl der Kühlung, Heizung und Lüf-  Durch die enge Zusammenarbeit von Bauherrschaft und Planern bei der Realisierung des
             tung als auch der Raumakustik dienen. Das im Werk vorgefertigte, CO -arme Hybridsys-  Gebäudes entstand ein in Erstellung und Betrieb vorbildhafter Bau, der zudem eine indus-
                                                            2
             tem kam bereits im ersten Holzhochhaus der Schweiz, dem „Suurstoffi 22“ von Burkard   triell geprägte Planungs- und Fertigungslogik in ein stimmiges Raumerlebnis überführt.

                                                                                                                           AIT 4.2026  •  135
   130   131   132   133   134   135   136   137   138   139   140