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Projektgruppe vor Ort
Das erste Projekt zur Wiederverwendung von Stuttgart-21-
Schalungselementen entstand in Kooperation von Stu-
dierenden der HFT Stuttgart und der HTWG Konstanz
von • by Andreas Kretzer und Stefan Krötsch
A uf der Baustelle des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs – Bahnprojekt Stutt-
gart-Ulm, auch bekannt als „Stuttgart 21“ – kamen zur Herstellung von Kelch-
stützen, Oberlichtern und Gewölben der Bahnhofshalle, Tunnel sowie für die Ran-
danschlüsse geometrisch komplexe Betonschalungen aus Brettsperrholz zum Einsatz,
die nach dem Betonieren nicht weiterverwendet, sondern als Sondermüll entsorgt
werden. Dieses End-of-Life-Szenario wird weder der Hochwertigkeit und Leistungs-
fähigkeit des Materials noch der geometrischen Besonderheit der Schalelemente
gerecht. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt Stuttgart 210 der Hochschulen Stutt-
gart, Konstanz und Karlsruhe untersuchte daher mit den Projektpartnern proHolz,
Züblin Timber, der Ed. Züblin AG und dem MLR Baden-Württemberg als Fördergeber
im Rahmen der Holzbau-Offensive Wege, die Bauhilfsmittel stofflich zu erhalten und
im Sinne des Upcycling weiterzuverwenden, indem diese als Primärkonstruktionen
neuer Gebäude zum Einsatz kommen. Dabei werden relevante Parameter für das
Bauen mit Re-Use-Komponenten in Reallaboren erforscht und die Ergebnisse in meh-
reren Pilotprojekten einem Praxistest unterzogen. Das erste dieser Projekte wurde
in einer Kooperation der HFT Stuttgart mit der HTWG Konstanz realisiert. Bei dem Im Innen- wir Außenraum finden sich integrierte Sitzbänke. • There are integrated benches inside and outside.
Pilotprojekt handelt es sich um einen Jugendtreff-Pavillon am Neckar. Die Gemeinde
Ingersheim, nördlich von Stuttgart gelegen, hatte sich 2023 für die Umsetzung eines
Entwurfs beworben. Für das Projekt waren schlussendlich sehr große, geometrisch
besonders komplexe und aufwendig zu transportierende Schalungselemente verfüg- logistische Umsetzbarkeit als gegeben herausstellte, konnten die verschiedengestalti-
bar, aus denen sich zwar ein skulpturaler Innenraum formen ließ, jedoch keine geo- gen Entwürfe samt Schalungselementen im Weiteren möglichen Bauherren zur Umset-
metrisch sinnvolle Gebäudehülle. Daher sieht der Entwurf eine aufgesetzte Baukör- zung angeboten werden. Die Funktion wie auch das Raumprogramm spielten also erst
perhülle aus Konstruktionsvollholz, Brettschalungen und Dreischichtplatten vor, die zu einem ungewöhnlich späten Zeitpunkt eine zentrale Rolle. Die Gemeinde Ingers-
nach außen eine autonome, elliptische Form bildet. Das vereinfachte die Herstellung heim hatte in einer Bürgerbefragung den Bedarf für einen Jugendtreff ermittelt. Diese
von Dach und Fassadenflächen als Witterungsschutz für die Schalungselemente. Die Nutzung bot genügend Interpretationsspielraum für den Entwurf: Die Komposition aus
Hülle ist aber auch Teil der architektonischen Inszenierung: Die spektakuläre Geome- zwölf Schalungselementen bildet einen Innenraum mit zwei engen Zugängen im Osten
trie und Holzoberflächen der einstigen Stuttgart-21-Schalungselemente offenbart sich und Westen sowie einem sich weitenden, kreuzförmigen Grundriss, dessen enorme
dem Nutzer erst beim Betreten des Bauwerks. Raumhöhe und spitzgewölbeförmige Decke sakral anmuten. Zwei große Fenster und
ein indirektes Oberlicht spenden hier Tageslicht. Die Gebäudehülle bildet den Witte-
Mit jeder Menge Unterstützung rungsschutz für Konstruktion und Innenraum und formt innen und außen fünf Sitzni-
schen mit Holzbänken aus. Beide Zugänge verbergen sich hinter der Hülle, sodass von
Besonders an diesem Projekt ist nicht nur der Grundgedanke, sondern auch der gesam- außen kein direkter Blick in den Innenraum möglich ist. Durch die Weiterverwendung
te Bauprozess, bei dem es der Bürgermeisterin Simone Lehnert gelang, in der Gemein- der Bahnhofsschalungen bot sich letzten Endes die Gelegenheit, eine unter norma-
de eine breite Unterstützung für das Projekt zu erzeugen und viele ehrenamtliche Helfer len Bedingungen unbezahlbare Architektur zu schaffen. Denn die dreidimensional
zu aktivieren – darunter verschiedene Handwerksfirmen. Unter der Leitung von Prof. gekrümmten Holzoberflächen sind in der Herstellung äußerst aufwendig, weil meter-
Andreas Kretzer (HFT), Roman Kreuzer, Katharina Raabe und Maximilian Stemmler dicke Schichten mehrfach blockverleimten Brettsperrholzes mit einem Roboterarm
(HTWG) wurde die ovale Hülle aus Fichtenbrettern und -leisten von mehr als vierzig in die gewünschte Form gefräst wurden. Der vorliegende Entwurf kombiniert eine
deutschen, indischen und türkischen Studierenden des Masterstudiengangs Innenar- Auswahl von Schalungselementen zu einem einzigartigen, textil anmutenden Innen-
chitektur (HFT) vorgefertigt und montiert. Im Rahmen eines zweiwöchigen interna- raum, der aus massivem Holz besteht und eine labyrinthartige Bewegungsführung
tionalen Workshops nahm sich die Studierendengruppe auch des Feinschliffs der und somit auch eine intime Raumatmosphäre entstehen lässt. Für den speziellen
Oberflächen der Schalungselemente und der Bänke an und erarbeitete Passstücke und Oberflächeneffekt wurde jeglicher Bootslack, der die Schaloberfläche für das Betonie-
ergänzte Fehlstellen. Die Gemeinde, der DRK-Ortsverein, die Sportvereine und lokale ren gebildet hatte und die Elemente zugleich konservierte, mit Elektrohobeln manuell
Freiwillige unterstützten bei der Unterbringung und Verpflegung der Studierenden. Die entfernt. Dieser Prozess und die anschließende Behandlung mit Parkett- und Exzen-
Würth-Gruppe leistete durch großzügige Spenden von Schrauben und Sicherheitsaus- terschleifern brachte außergewöhnliche Holzoberflächen zum Vorschein, die durch
rüstung einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Projekts, während Häfele in der das amorphe, dreidimensionale Abfräsen der parallelen Lagen des Brettsperrholzes
Blackbox in Stuttgart ein gebührendes Bergfest mit zwei Gastvorträgen ausrichtete. an damaszenerstahlartige Strukturen erinnern. Lässt man in der Gesamtbetrachtung
des Pavillonbaus die nötige Gründung außen vor, besteht der Bau fast vollständig
Vom freien Entwurf zur konkreten Nutzung und Realisierung aus biogenem und großenteils weiterverwendetem Material. Die Schalungselemente
bilden den wesentlichen Teil des Tragwerks und sämtliche Innenraumoberflächen.
Die Verwendung der Stuttgarter Bauhilfsmittel stellte den Planungsprozess auf den Die äußere Hülle besteht ausschließlich aus reversibel verschraubtem Vollholz. Außer
Kopf: Ausgangspunkt der Entwürfe war stets die Weiterverwendung konkret verwen- der Dachabdichtung kommen keine Folien oder Unterspannbahnen zum Einsatz. Es
deter Schalungselemente. Das Team entwickelte aus der geometrischen Vielfalt dieser wurden weder Klebstoffe noch Lacke verwendet, und sämtliche Holzoberflächen sind
Elemente, die zunächst auf ihre Verfügbarkeit und Transportierbarkeit geprüft wurden, naturbelassen. Damit leistet das „Reallabor Ingersheim“ einen wesentlichen Diskus-
zahlreiche, passende Entwürfe. Wenn sich im nächsten Schritt die technische wie sionsbeitrag sowohl im Klimaschutz als auch für das kreislaufgerechte Bauen.
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