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REDINGS ESSAY




                                            GOOD LUCK!








                                                            Ein Essay von Dominik Reding





           A   uf diese Büroräume hatte ich mich gefreut. Wie jedesmal, wenn ich an einem Meeting  Kinofilm und natürlich ihr aktuelles Big-Budget-Projekt, sehr fachkundig, sehr detailliert.
               dort teilnehme. Die ganz besonderen, wichtigen, auch unvergesslichen Gespräche  Dass sie auf echtem 70-mm-Filmmaterial gedreht hat, im Super-Breitwand-Format 1:2,76,
           finden immer im Konferenzraum der Büroetage statt. Der ist stattlich und elegant, aber  dass sie dafür Panavision-Objektive einsetzte und für einige Szenen auch das IMAX-Format
           nicht zu groß, hier wird jedes Gespräch privat, jeder Eindruck persönlich, ob mit Regisseur   nutzte, im Bildverhältnis 1:1,9 um dem Film die Auswertung auch in allen IMAX-Kinos zu
           Hark Bohm oder der Netflix-Spielfilm-Chefin Sasha Bühler oder Schauspielerin Jella Haase.  ermöglichen … Meine Gedanken beginnen zu wandern, zum sanft-ironisch gestalteten
           Immer trägt auch die Intimität des Raums zur Offenheit und Direktheit der dort geführten   Akademiebüro, zu den Schulstühlen im Konferenzraum, in denen man dezent wippen
           Gespräche bei. Das Berliner Architektenduo Alexandra Erhard und Thomas Karsten von   kann, wenn der Vortrag etwas zu detailliert gerät. „Yeah, we changed the visual impact,
           studio karhard hat ihn gestaltet – vor fast 20 Jahren. Mit sicherem Gespür für zeitloses   when it comes to the vampire story.“ Vampirgeschichte? „I discussed that at length with
           Understatement. Und in bewusstem und gestalterisch verblüffendem Gegensatz zu ihren   my director Ryan Coogler.“ Regisseur Ryan Coogler? Plötzlich werde ich hellwach. Der Ryan
           anderen Projekten, allen voran die betonraue Monumentalität des Berliner Tanzpalastes  Coogler, dessen aktueller Kinofilm „Sinners“ von den seltsamen Geschehnissen eines
           Berghain. Im intimen, geschützten Büroraum der Filmakademie, unter den Lichtkreisen   Tages und einer Nacht (inklusive Breakdance-Battle und Vampirattacken) im Mississip-
           der ironisch übergroß geratenen Deckenlampen und den 1970er-Jahre-Bugholz-Schulstüh-  pi-Delta des Jahres 1932 berichtet und vor wenigen Wochen für „…16 Oscars nominiert
           len, sah ich einmal einen gestandenen Regisseur während seines Vortrags erst in Erinne-  wurde, ein historischer Rekord“. Unsere Akademie-Moderatorin sagt es lächelnd-zustim-
           rungen schwelgen und dann plötzlich, von eben jenen Erinnerungen übermannt, still   mend. Oh, dann ist die hier so freundlich-bescheiden über ihre Arbeit berichtende Kame-
           weinen, hörte ich bekannte Filmschauspieler und Schauspielerinnen großzügig privateste   rafrau vielleicht eine der zukünftigen Oscar-Preisträgerinnen und die erste nominierte
           Details aus ihrem Leben preisgeben, sah sie von Lachkrämpfen geschüttelt und dann vor   „woman of color“ für den Kamera-Oscar jemals. Ohnehin waren bis dato nur drei weitere
           ihren eigenen Geständnissen verstummen, sah Prominenz, deren „Ruhm“ nur einen Film,   Kamerafrauen für den Academy Award nominiert, gewonnen hat ihn bisher keine. „Yes, it
           eine TV-Produktion überdauerte, und andere, deren Stern gerade aufging, um dann als   makes me proud, as a person of color, as a woman and as a mother, it breaks bounda-
           Star zu bleiben. Heute würde eine US-amerikanische Kamerafrau kommen, um sich und   ries”. Dann wird sie persönlicher, privater, das erste Mal heute. Sie hätte immer nach
           ihre aktuelle Filmarbeit, eine Big-Budget-Hollywood-Produktion,              Vorbildern in ihrem Beruf gesucht, nach anderen Frauen an der
           vorzustellen. Ihr Name Autumn Durald Arkapaw war mir nicht                   Kamera, aber kaum jemand gefunden. Ihre Chance als Kamerafrau
           geläufig. Ohne große Erwartungen, ohne „Celebrity Hunger“ ging ich           ermöglichte ihr eine Regisseurin, Gia Coppola, und ein Regisseur,
           hin, aber in der Hoffnung, Up-to-Date-Eindrücke der Kameraarbeit             der – als seltene Ausnahme – häufig mit Frauen in den wichtigen
           bei aktuellen, großen US-Produktion zu bekommen und – ja auch –              Film-Departments (Kamera, Produktion, Set-Bauten) arbeitet: Ray
           um einmal wieder im Konferenzraum der Filmakademie zu sein,                  Coogler. Und der sie nicht nur als Kamerafrau, sondern auch als
           der mitunter das Geheimnisvolle, auch abgründig Persönliche aus  Foto: © Warner Bros. Ent., Filmstill „Sinners“, Warner Bros. Pictures  Mutter unterstützt habe, ihr stets den Freiraum gab, sich auch beim
           seinen Gästen herauszuholen vermag. Kurz vor dem Termin las ich              Dreh um ihr Kind zu kümmern. Denn auch das sei eine Ausnahme,
           die Einladungsmail noch einmal und entdeckte jetzt erst dieses               Rücksicht auf Mütter im Film-Team. Jetzt endlich, im Konferenzraum
           Wort: „Zoom-Gespräch“. Oh nein, keine physische Begegnung, kein              braucht es dafür keine fünf Minuten, im Zoom-Meeting fast eine
           echtes Spüren der eingeladenen Person. Auch kein direktes Erleben            Stunde, kommt die erste Frage von uns Zuschauern. „Sind alle Sze-
           der Zuschauerreaktionen, der Atemlosigkeit, wenn es wirklich span-           nerien im Film virtuell oder gab es auch gebaute Sets?“ Eine Regie-
           nend, der Unruhe,  wenn es kontrovers und das Hüsteln und                    kollegin fragt es. „You won´t believe it, but most of it is real, build for
           Rascheln und Murmeln, wenn es etwas langatmig wird. Und auch nicht dieses typische  the movie.“ Wir Zuhörer sind verblüfft, wir atmen überrascht aus, man sieht es sogar auf
           Geruchsgemisch aus Kaffee, Aftershave und Parfum, das dem gesprochenen Wort die  unseren Mini-Bildschirm-Rechtecken. Dann zögert Autumn Arkapaw plötzlich, fragt, ob sie
           physische Grundierung gibt. Dieses Mal also eine reduzierte Begegnung, präsentiert im  das nicht schon gesagt hätte; sie habe heute schon so viele Interviews geben müssen, sie
           eigenen Medium der Kamera selbst: dem digitalen Abbild. Oder, um es mit einem berühm-  käme langsam durcheinander. Und sie schmunzelt, als könne sie den plötzlichen Rummel
           ten Filmtitel zu sagen: der „Imitation of Life“, mit dem iMac-Desktop als Mini-Leinwand.   um ihre Person selbst nicht glauben. Die Moderatorin beruhigt sie: „I can assure you, you
           Alles darauf sorgsam arrangiert, dekoriert und inszeniert: Wir, die Zuhörenden, als kleine,   didn´t.“ Sie nickt erleichtert, erzählt, dass alle wichtigen Film-Sets vom Dach bis zum Fuß-
           rechteckige Bildchen, im (wahlweise) Wohnzimmer oder Arbeitszimmer, vor wohlüberleg-  boden, von der Südstaatenkneipe bis zu den Straßenlaternen gebaut wurden. „It makes it
           ten Hintergründen: Büchern (oft), Bildern (seltener) oder Aktenschränken, wie bei mir. Als   easier for the actors. They definitely know where they are. They feel, it´s 1932.  And shoo-
           kleines Rechteck links auf dem Desktop: die Moderatorin der Filmakademie im vertrauten   ting gets easier for me as well. Especially for the planning of an elaborate scene, like the
           Büro, groß in der Desktop-Mitte: Kamerafrau Autumn Arkapaw in ihrem Londoner Büro,   dance-scene.” Sie meint die jetzt schon legendäre Tanzszene in „Sinners“. Fünf Minuten
           und rundherum, wie ein Rahmen, die Rechteck-Bildchen von uns, dem Publikum. Es ist   ohne Schnitt, die Kamera in ständiger Bewegung, sämtliche Details, die Schauspielerei und
           offensichtlich: Hier sitzt eine Kennerin vom Fach vor ihrer iMac-Kamera, die weiß, wie ein   die Tanzbewegungen gleichermaßen erfassend. Allein dafür hätte sie den Oscar verdient.
           Raum für Bildschirmgespräche ausgeleuchtet und eingerichtet sein soll: ausgeleuchtet  „Good luck!“ wünscht ihr die Akademie-Moderatorin zum Abschluss des Zoom-Meetings.
           taghell, damit alle Statements offen und ehrlich wirken, oder „erleuchtet“ und „sonnen-  Und wir, die Zuhörenden, wünschen es ihr genauso: Two thumbs up! Auf den kleinen
           klar“, um es etwas bildlicher zu formulieren. Eingerichtet eher wenig, und wenn, dann  Bildschirm-Rechtecken recken sich die Daumen. Nach der Academy Award Zeremonie will
           schlicht. Kein Lichtschalter, kein Steckkontakt, kein grelles Tapetenmuster, kein Ölbild oder  sie persönlich nach Berlin kommen, verspricht sie, und uns berichten, wie es war. „Now
           Familienfoto soll optisch vom Gesicht der Sprechenden ablenken. Kamerafrau Autumn   it´s time to play with my child“, sagt sie lachend, dann erlischt ihr Bildschirm-Rechteck und
           Arkapaw stellt sich in ihrem professionellen Ambiente höflich vor, erläutert ihre Herkunft,   nach und nach auch unsere Bildschirm-Bildchen. Jetzt freue mich auf das nächste Akade-
           ihre afroamerikanischen und philippinischen Wurzeln, ihren Weg zur Kamera und zum   mie-Gespräch, nah und spürbar, im realen Büro.

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